Archiv für September 2008
Heute ist…
…der 29.09.08. Und morgen ist folglich der 30.09.08. Und was ist das für ein besonderer Tag? Na? Ach kommt, das kann doch nicht so schwer sein!
OK, ich verrat´s: es ist der jüdische Neujahrsanfang. Jahr 5769. Sagt nicht, ihr hättet es nicht gewusst!
Also is Eduardo heute weg. Die Oma von seiner Freundin hat ihn zum Essen eingeladen. Was in Deutschland nicht so üblich ist, findet sich hier überall: eine jüdische Gemeinschaft. Zumindest wenn man in den sogenannten besseren Gesellschaftsschichten schaut. Da gehört Eduardos Freundin (Flavia) eindeutig dazu.
Aber auch ich war heute weg. Thiago, ein Brasilianer mit dem ich den KI Kurs und das Projekt dort mache, hat heute Geburtstag. Also waren wir Pizzaessen. 6€ all you can fress. Dafür liebe ich Brasilien. Das Essen war ganz ok (wenn auch nicht herausragend) und ich habe mich die Hälfte der Zeit mit Thiagos Mutter unterhalten. Auf Deutsch. Sie ist zwar hier geboren, aber ihre Eltern wiederum zu Hälfte nicht. Die Sprache spricht sie fließend. Ich musste mir nicht mal überlegen, wie ich mein Slangdeutsch (“Moin!”; “Das Ding ist…”) in Hochdeutsch umpacke. Das hat sie alles verstanden. Im November kommt ihre Schwester zu Besuch, die in Berlin lebt. Ich bin eingeladen sie zu treffen und Adressen auszutauschen, falls ich mal nach Berlin will (ja, Einladungen gehen hier flott). Und eine andere Dame, deren Name ich wieder vergessen habe, die aber heute ebenfalls da war, will nach Nürnberg. Sie hat vor kurzem ihren Bachaleur (ich weiß nie wie man das schreibt..) gemacht und will einen bestimmten deutschen Maler sehen dort.
Die Welt ist winzig. Wenn man sich hier umhört, glaubt man, dass Brasilianer an jeder Ecke zu Hause lauern. Was ja auch der Fall ist, wenn man sich das Faserinstitut anschaut.
Kennt Ihr…
…schon das lustige Mülleimerspiel?
Es wird in WGs gespielt -oder zumindest in Haushalten mit mehr als einer Person. Es geht so: Person A hat Müll (z.B. leere Milchtüten) in der Hand, bemerkt, dass der Mülleimer schon randvoll ist und weiß, dass wir noch genug Mülltüten haben. Er macht also die einzig logische Handlung: er beginnt den Müll zu stapeln. So wird das Spiel eröffnet. Die nächste Person B kommt danach vorbei, hat ebenfalls Müll (z.B. Bananenschalen) in der Hand, sieht den kleinen Turm mit dem Mülleimer als Basis, ist in Eile und packt seinen Müll oben drauf. So entsteht nebenbei ein bizarres Kunstwerk und Experiment in einem. Frage dabei: Wieviel Müll kann man stapeln, bis der Turm zusammenbricht und sich seine “Bausteine” über den Küchenboden ergießen? Der Letzte, der was draufgelegt hat, muss dann wohl oder übel den Müll in eine neue Tüte packen (oder besser gleich in zwei, weil es so viel ist). Nun bin ich ja so ein kleiner Spielverderber und mache bei dem Spiel nicht mit. Heute habe ich also freiwillig den Müll in gleich zwei Tüten gepackt und rausgetragen. Der Part mit dem Raustragen ist hier besonders wichtig. Für gewöhnlich wird der Müll, den man im Kücheneimer hat, nach entleeren desselbigen, nicht etwa nach daraußen in den großen Mülleimer geschmissen, sondern in den Wohnungsflur gestellt. Wo er aufs WE wartet, um endlich abgeholt zu werden. Man muss meine Mitbewohner auch verstehen: Wenn man aus dem Haus geht, ist der große Müllcontainer rechts und der Ausgang auf die Straße links. Die doppelten Wege sind einem ja kaum zuzumuten. Da muss man sich 5 Tage lang sammeln, um am WE endlich den beschwerlichen Weg nach rechts, ca 30m zum Container zu gehen. Danach bin auch ich immer völlig ausgelaugt und liege für die nächsten 5 Tage wieder gelähmt im Bett….
Juhuuu!
Wir haben neues Internet!
Jetzt habe ich hier genau die selbe Verbindung wie in Bremen (250kb/s). Das ist für brasilianische Verhältnisse eine ganze Menge. Das wollte ich nur mal eben loswerden. Wenn ihr mich jetzt entschuldigt: ich muss surfen gehen!
Die Woche…
…war wie die meisten anderen auch. Lasst mal schauen, was sich so zu erzählen lohnt:
Gestern habe ich meinen ersten Test hier geschrieben. Zum Glück auf Englisch. Das ganze WE ist für das Lernen draufgegangen. Ich habe prinzipiell nix gegen, das ganze WE durchzuarbeiten, aber bitte mit einem Thema, was mich interessiert. Das war leider diesmal nicht der Fall. Das Fach war KI (Künstliche Intelligenz). Was sich als Thema auf dem Papier spannend anhört, ist in der Realität eher langweilig und hat was mit Optimierung von Datenbanken zu tun. Die Klausur war ganz ok, denke ich. Er hat ein wenig zu viel auf nur einem Thema rumgehackt, anstatt in die Breite des Stoffes zu gehen (den ich gelernt habe), aber ich habe munter aus dem Gedächtnis was runtergeschrieben. Mal schauen, was sich da so ergibt.
Für das Endprojekt habe ich mir einen Brasilianer geschnappt, den ich schon auf der Geburtstagsparty der Freundin von Eduardo (Mitbewohner) kennengelernt habe. Ich hoffe, wir können die Arbeiten ein wenig aufteilen, denn alles alleine zu machen habe ich in diesem Fach kein Bock.
Dagegen geht Computergrafik bei Manuel derzeit gut ab. Es ist das, was ich so von morgens bis abends und am WE mache. Es ist ein riesiges Thema mit ne Menge Mathe vermint, aber nach getaner Arbeit sieht man wenigstens, was man gemacht hat. Und man kann es den anderen Leuten zeigen, die dann staunen. Ich habe noch keine Seite gemacht, mit den Ergebnissen meiner Arbeit, aber hier kann man sehen, was so die Aufgaben sind. Läuft gut bis jetzt, aber ich muss noch so viel lernen…
Gestern kam…
… eine Rundmail von Manuel.
Ein Kerl von Microsoft sollte an der Uni gestern einen Vortrag halten über ein Thema, das mich interessiert. Und er sagte, dass wir pünktlich sein sollen. Ok, dachte ich mir. Geh ich mal hin.
Eine Stunde vor dem Vortrag hab ich noch Manuel auf dem Weg zum Essen getroffen. Er hat mich dann nochmal auf seine Mail hingewiesen und dass er sie in Portu geschrieben hatte. Für uns zur Übung. Ich habe gesagt, dass ich die Mail schon verstanden habe und dass ich kommen werde. Er hat sich daraufhin über mein Portu gefreut. Da habe ich ihm erwidert, dass ich es automatisch mit “Google Translate” übersetzt habe (dieser Übersetzter ist inzwischen richtig gut geworden! Zumindest von Portu nach Englisch und andersrum). Manuel hat sich dann verabschiedet, mit der Begründung, dass er den Microsoftmann noch vom Flughafen abholen muss.
Nach dem Essen 5 Minuten zu spät beim Vortrag eingetroffen. Ich sah, dass der Beamer schon an war und dachte, dass der Kerl nicht weit sei. Stattdessen wurde ich von den Masters reingerufen, die sich zu dem Zeitpunkt fröhlich unterhielten. Weit und breit kein Amerikaner zu sehen. Nach ein paar MInuten warten, kam dann Manuel rein.
Allein. Mit ein paar neuen Lautsprechern.
Es stellte sich raus, dass der Vortrag nur aus einem Video des Vortrags bestand und nebenbei ein paar Folien eingeblendet wurden. Zwischendurch wurde der Vortrag immer wieder unterbrochen – vom Windows Bildschirmschoner.
Manuel hatte schlicht gelogen.
Ein Doktorant meinte später, dass er extra nicht zu diesem Vortrag gegangen ist , weil Manuel das schon mal in seiner Masterzeit gebracht hatte.
Manuel sagt nicht vorher, dass es nur ein Video ist, -weil dann kein Sau kommt.
Recht hat er!
Der besagte Masterstudent hat noch erzählt, dass er damals die Wahl hatte, bei Manuel seinen Doktor zu machen oder nicht. Immerhin sind beide sehr gut. Das würde also passen.
Manuel hat ihm damals eine Aufgabe aufgebrummt, an der dieser Student ZWEI MONATE lang gearbeitet hatte. Bei der Abgabe sagte Manuel dann, er braucht diese Arbeit nicht. Er wollte nur die Einstellung des Studenten testen. Das war dann der Zeitpunkt, wo der Doktorstudi sich gesagt hatte, dass er bei diesem Prof seinen Doktor nicht machen will.
Johannes ist extra wegen diesem Votrag zur Uni gekommen, der Arme. Lustig wars aber allemal, zu sehen, mit welchen Tricks unser Prof hier seine Studis manipuliert. Wie gesagt: zwei von meinen drei Kursen sind bei ihm…
Die Porto Alegrianer…
…haben lustige Vorstellungen vom Häuserbau.
Es fällt auf, dass man für gewöhnlich keine Heizungen verbaut. Das Höchste der Gefühle ist dann eine elektrische Heizung, die man irgendwo anstöpselt und die nach einiger Zeit wohlige Wärme verbreitet. (Möchte nicht wissen was sie so an Strom die Nacht frisst.)
Ich meine, ich habe schon eine kleine Vorschau auf den brasilianischen Sommer bekommen und ich kann nicht sagen, ob mir die Hitze demnächst mehr gefallen wird, als die Kälte jetzt. Immerhin sitze ich hier mit 1 T-Shirt, 1 Long-Shirt, 2 Pullis und zwei Hosen und mir ist nicht mehr kalt. Das geht also.
Ich frage mich aber, wie es im Rest der Welt mit Thermen aussieht. Diese großen, weißen Dinger, die sich einschalten, sobald irgendwo der Warmwasserhahn aufgedreht wird. Keine Frage: Bei entsprechendem Geldeinsatz ließe sich sowas nachrüsten, aber Standart ist es nicht. So muss man sich also damit vergnügen sein Geschirr kalt abzuwaschen, was bei entsprechendem Muskeleinsatz auch ganz gut funktioniert. Oder aber man setzt heißes Wasser auf dem Herd auf (da fällt mir ein, dass ich noch einen Wasserkocher kaufen wollte).
An einer Stelle in der Wohnung ist aber kaltes Wasser nicht akzeptabel: im Bad. Genauer: in der Dusche. Dort wurde eine elektrische Dusche installiert. Was es damit auf sich hat? Es ist ein kleiner Kanister Wasser, der in den Duschhahn integriert ist. Das kalte Wasser aus der Leitung wird darin aufgeheizt und abgegeben. Funktioniert ganz gut. Im Hotel, wo Johannes und ich zuerst gelebt haben, hatten wir sowas auch. Da lagen die Kabel aber relativ offen rum. Zuviel Plantschen durfte man da nicht, sonst gäbe ist tatsächlich eine “elektrische” Dusche.
Auf meine Uni ist jeder scharf…
…weil man da nix zahlen muss.
An meiner staatlichen Uni hier muss niemand Gebühren zahlen. Deswegen kann sich die Uni ihre Leute auch aussuchen. Ohne einen Zulassungstest kommt hier nämlich keiner in den Jahrgang. Da die Schule hier nach Aussagen der Masters eher einfach ist, müssen die angehenden Studenten für die Zulassungsprüfung lernen. Der Eine, mit dem ich gesprochen habe, hat für diese Prüfung Vorbereitungskurse genommen.
Ein ganzes Jahr lang.
Nicht, dass er dumm wäre: Er hat gestern sein deutsches Visum bekommen und wird irgendwo im Süden (hab vergessen wo) seinen Doktor machen.
Wer nicht auf eine staatliche Uni kommt, für den kanns teuer werden. Je nach Studiengang (!) zahlt man schon mal 2.500R$ (ca. 1000€) an der katholischen Uni (PUC) hier in PoA.
Und das pro Monat.
Das ist aber noch wenig im Vergleich zu manchen anderen Unis. Da kommen für ein Medizinstudium auch schon mal 4000R$ zusammen. Allgemein gilt: je mehr man zahlt, desto geringer der Standart. Die letztgenannte Uni hat z.B. kaum die Bedingungen erfüllt, um ihr Medizinstudium anerkannt zu bekommen.
Dafür sind die Klausuren an den Bezahl-Unis auch nicht so hart. Die Leute wollen ja Geld verdienen und können sich frustrierte, abbrechende Studenten nicht leisten. Ganz im Gegensatz zu den staatlichen Unis. Denen kann´s egal sein. Spannend wird es beim besagten Medizinstudium. Sollte man seinen Doktor fragen, ob er damals für sein Studium bezahlt hat?
Ein Master, dessen Freundin an der PUC Medizin studiert, meinte zu mir, dass ein Medizinstudium ja überall auf der Welt teuer sei, oder?
Ähm…..
Gestern haben wir…
…in Johannes Geburtstag reingefeiert. War ganz lustig im Irish Pub. Nur ein bischen kalt gewesen, weil wir draußen saßen. Aber nach ein paar Bier ging es dann. Neben den erwarteten Deutschen waren auch einige Brasilianer und Franzosen und andere gekommen. Das Tolle an dem Sprachunterschied ist: es gehen einem nie die Themen aus! Wenn man mal nicht weiterweiß und die Unterhaltung zu stocken beginnt, dann fragt man einfach: “Wie heißt eigentlich xyz auf Portu/Deutsch/Englisch?” und schon kanns losgehen mit den Erklärungen und Vorschlägen welche Ausdrücke wohl am besten passen.
Martin (einer der berliner Jungs) hat erzählt, dass sie jetzt in einem anderen Stadtteil wohnen. Ein paar Tage bevor sie ausgezogen sind, wurde an der Haltestelle, wo sie immer den Bus nehmen, um 9 Uhr morgens ein Juwelierladen ausgeraubt. Ein Wachmann und ein unbeteiligter Passant wurden dabei erschossen. Hätten die Berliner damals ihren Bus eine halbe Stunden später genommen, hätten sie das Spektakel live und aus der Nähe verfolgen können. Das nennt man wohl Pech!(?) Immerhin hätten sie mit ihren Photohandys zurückschießen können!